Regionalgruppenvortrag am 17.06.2003

Zur Beherrschbarkeit komplexer Informatiksysteme

Prof. Klaus Brunnstein, Universität Hamburg

So wie die "Maschinen"-Techniken seit der Erfindung der doppelt wirkenden Niederdruck-Dampfmaschine des James Watt (1765) in mehreren Phasen über mehr als 200 Jahre viele Aspekte des täglichen Lebens (vom Begriff der Arbeit und des Arbeitsplatzes über Formen von Wirtschaften und Leben bis zur Gestaltung von Rechtssystemen) in damals unvorhergesehener Weise umgeprägt haben, führen nun die "Engines" der Informatiktechniken zu einer weiteren, eventuell noch weiterreichenden Umprägung der überkommenen Lebensformen. Beiden Entwicklungen ist jedoch gemein, dass die Gestaltung ihrer Techniken durch die Anbieterseite geprägt wurde, während die Abnehmerseite vor allem die Mängel der anfänglich kaum durch Qualitätsmassnahmen geprägten Produkte erleiden musste. Die Entwicklung des industriellen Qualitätsbegriffes ist nämlich erst unter schmerzhaften Begleiterscheinungen erzwungen worden, sei es durch erzwungene Einsicht der Hersteller ("Dampkessel-Überwachungsverein", heute TÜV), sei es durch aktive Juristen (R. Nader: "Unsafe at any speed").

Der Vortrag zeigt auf, dass die heute bereits spürbare Abhängigkeit vieler Unternehmen und Organisationen von den unzulänglichen I&K-Techniken auf Annahmen zurückzuführen ist, welche bei der Entwicklung dieser Techniken implizit zugrunde gelegt werden. Insbesondere der Aufbau komplexer Systeme aus modularen, interoperierenden Teilsystemen hat bereits zu nicht mehr überschaubaren Anwendungen geführt. In den heutigen Software-Dickichten verstecken sich - zumeist erst "post mortem" erkennbar - die Klassen der Viren, Würmer und Trojanischen Pferde, der Dialer, Passworddiebe und Hackersoftware, der Spyware, üblen Scherze (hoaxes) und Spams.

Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden "ubiquitären" und "nomadischen" Netzanwendungen, welche die Komplexität noch weiter steigern und die Durchschaubarkeit der Systeme noch weiter eingrenzen, wird aufgezeigt, welche Anforderungen aus Verbrauchersicht zu "beherrschbaren" (wenn auch nicht völlig "sicheren") Systemen führen können. In einer Analogiebetrachtung zur Entwicklung der Industriegesellschaft wird plausibel gemacht, wann etwa solch beherrschbare I&K-Techniken zur Verfügung stehen könnten.